(Auszug aus der Arbeit)
Anhand von Interpretationen von Oral History Interviews sollte gezeigt werden, welche Abschnitte bzw. Themen in den Erinnerungen von MigrantInnen an die Zeit der Wende – bzw. des Zerfalls des jugoslawischen Staatsgebildes 1991/92 – am signifikantesten in Erscheinung treten. Die Kategorie der Gemeinschaftlichkeit und der sozialen Netzwerke und deren Veränderungen nach der Wende wurden ohne gezieltes Nachfragen von den InterviewpartnerInnen angesprochen. Ebenso äußerten sich die Befragten zu den Themen Nationalismus, Unsicherheit, Wirtschaftsabschwung, Korruption, Zukunftsangst, Armut, Misstrauen in die Politik und soziale Segregation. Die Aussagen zu den Kategorien wurden vor dem Hintergrund des Alters, des Bildungsstandes und des sozialen Milieus der InterviewpartnerInnen analysiert sowie der Literatur gegenüber gestellt.
Es zeigte sich in den Analysen, dass die Äußerungen zum Thema Nationalismus teilweise geprägt sind durch die Kriegsgeschehnisse und durch die Erfahrungen von älteren Verwandten und Bekannten. Insgesamt kann festgestellt werden, dass die nationalistischen Feindseligkeiten, die zu den Kriegen am Balkan in den Neunzigerjahren geführt haben, anhalten. Die Strategie des Jugoslawismus, mittels dessen sich die jugoslawischen BürgerInnen als zusammengehöriges Volk mit sozialistischem Gedankengut fühlen sollten, konnte nicht nachhaltig greifen. Vorhandene Vorurteile und Feindschaften wurden hervor geholt bzw. ließen sich von politischer Seite ausgehend mobilisieren. Dieses Auftreten von nationalistischen Prinzipien führte auf der einen Seite zum Schock darüber, dass vorher friedlich nebeneinander lebende Volksgruppen erbittert gegeneinander zu kämpfen begannen. Auf der anderen Seite stellten die Prozesse eine Bestätigung dessen dar, was schon vorher existierte, während des Sozialismus in Jugoslawien allerdings weniger von Bedeutung war bzw. durch die Führungsweise Titos nicht signifikant in Erscheinung trat. Erst nach seinem Tod 1980 und dem Aufbrechen nationalistischer Ressentiments, die das serbische Großmachtstreben von Milošević unterstütze bzw. heraufbeschwor, verschwand die Idee des Jugoslawismus und es öffneten sich blutigen ethnischen Auseinandersetzungen die Tore. Die Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen aus den Kriegstagen der Neunzigerjahre sind tief in das Bewusstsein der Menschen eingeschrieben. Sie überschatten vielfach die Erinnerung an die Wende in Jugoslawien und bieten nostalgischen Erinnerungen an die Zeit davor fruchtbaren Boden.
Die Wahrnehmung zu den Themen Unsicherheit, Zukunftsangst, Wirtschaftsabschwung, Korruption, Armut und Misstrauen in die Politik sind Resultate des politischen Umbruchs, nach dem sich die Menschen vom System enttäuscht und allein gelassen fühlten. Das sozialistische System sah Vollbeschäftigung, medizinische Versorgung und Bildung für breite Bevölkerungsgruppen vor. Das Fehlen dieser Leistungen seitens des Staates verursachte, dass die BürgerInnen orientierungslos und empfänglich für Mythen und diverse Umdeutungen der eigenen Nationsgeschichte wurden. Die politischen Systeme der ehemaligen jugoslawischen Republiken veränderten sich auf unterschiedliche Weise, gemeinsam ist ihnen jedoch eine Tendenz zu Korruption. Diese ergab sich aus den Privatisierungen von Staatseigentum, an diesem Prozess bereicherten sich viele, die die Möglichkeit dazu sahen. Das bedingte, dass große Teile der Bevölkerung von Arbeitslosigkeit und Armut getroffen wurden. Der Schock über den plötzlichen Zerfall von Sicherheiten, die der Staat den BürgerInnen geboten hatte, verursachte ein Gefühl des Misstrauens gegenüber der Politik, die die Menschen schwer enttäuscht hatte. Diese Kategorie wurde von InterviewpartnerInnen aller Altersgruppen angesprochen, da diese Entwicklungen in breiten Teilen der Bevölkerung wahrgenommen wurden.
Die soziale Segregation, die sich mit dem Umschwung in Jugoslawien zeigte, wurde von den ZeitzeugInnen wahrgenommen und als negativ beurteilt. Dies ist abhängig von der sozialen Position vor der Wende, wurde aber auch von jenen Befragten angesprochen, die sich in einer wirtschaftlich vorteilhaften Situation befinden. Ziel des sozialistischen Systems war es, Egalität vorherrschen zu lassen, die Menschen sollten ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, das den Aufbau des Sozialismus fördern sollte. Mit dem Auftreten von Bevorzugungen und Benachteiligungen bestimmter Gruppen der Bevölkerung ergab sich ein Auseinanderdriften in unterschiedliche soziale Schichten. Dieser Vorgang wird negativ beurteilt und bedauert. Es wird zurück geblickt auf eine Zeit der Einheit und der Zusammengehörigkeit und diese teilweise herbeigesehnt.
Der Wegfall von Gemeinschaftlichkeit und sozialen Netzwerken wird ebenso negativ beschrieben. Während des sozialistischen Regimes gab es zwei unterschiedlich organisierte Gruppierungen: erstens offiziell ausgestaltete soziale Netzwerke und zweitens informelle Zusammenschlüsse von Menschen. Zweite Gruppe ergab sich aus Gegenbewegungen zum System, aber auch, um besser mit der Knappheit von Konsumgütern umgehen zu können. Beide Arten von Netzwerken, die offiziellen und die informellen, fielen mit dem Umschwung in den Neunzigerjahren weg. Organisierte Kollektive fielen aufgrund des Zerfalls des sozialistischen Systems weg, die informellen aufgrund der Umstellung auf eine Orientierung nach kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Effizienz- sowie gewinnorientierten Prinzipien. Menschen, die im Sozialismus aufgewachsen sind und gelebt haben, können sich vielfach schwer von diesen Netzwerken verabschieden. Nicht nur auf wirtschaftlicher, sondern auf sozialer, zwischenmenschlicher Ebene waren sie lange auf diese Art des gesellschaftliches Zusammenhalts angewiesen. Die Umstellung auf eine dem Individualismus verpflichtete Lebensweise fiel gerade älteren Menschen, die sich an die im System eingebettete Lebensart gewöhnt hatten, in vielen Fällen nicht leicht. Das Gefühl des Verlorenseins und der Orientierungslosigkeit machte sich dadurch breit. Jüngere Personen, die über weniger eigene Erfahrung mit der sozialistischen Organisation verfügen, beziehen sich auf die Erzählungen von älteren Verwandten, die nostalgisch über die Vergangenheit berichten.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Veränderungen durch die Wende im ehemaligen Jugoslawien nicht nur die wirtschaftliche und politische Situation sowie das soziale Fortkommen der Bevölkerung betreffen, sondern auch in private Lebensbereiche hinein spielen, die vielfach von der Forschung unbeachtet blieben. Diese Prozesse und Wahrnehmungen sollten nicht unterschätzt werden, da von den sozialen Bedürfnissen und Entbehrungen der Bevölkerung Aktivitäten ausgehen können, die sich im größeren Rahmen manifestieren.
Mit dieser Arbeit sollte nicht erklärt werden, warum von den ehemaligen jugoslawischen Republiken nur Slowenien den Anschluss an die Europäische Union geschafft hat, es sollte vielmehr ein Einblick gewährt werden in die Denkweisen und Wahrnehmungen der Menschen, die mit den Umwälzungen zu kämpfen hatten und noch immer haben. Denn erst wenn wir versuchen, die Verwaltensweise der Betroffenen an der Basis der Geschehnisse zu verstehen, eröffnen sich Wege einer konstruktiven Problemlösung.